Wann haben wir eigentlich aufgehört uns zu wundern?

Ich würde gerne sagen, ich wundere mich hin und wieder etwas darüber, wie die Dinge so sind.

Leider stimmt das nicht ganz, denn genau genommen wundere ich mich ständig und das auch noch ohne ein in Stein gemeißeltes Ergebnis.

Wundern ist ja sowieso so eine Sache. Meint man damit: Alles für ein Wunder zu halten, dann wäre das ja wunderbar und auch das geschieht recht häufig, meistens jedoch ist dieses Gefühl mies und es wird nicht gerade weniger in letzter Zeit.

Ich wundere mich darüber, dass Menschen, die man kennt und auf der Straße trifft, manchmal nur dann grüßen, wenn man es zuerst tut und auch oft gar nicht, es sei denn, sie wollten mal was fragen.

Ich wundere mich darüber, wie es nachts riecht, in meinem Zimmer, das Fenster gekippt und der Gestank alarmiert mich. Es riecht schon tagsüber nicht gut und das bemerke ich auch, aber nachts kommt es immer häufiger vor, dass es so stinkt, dass meine Nase im Schlaf Gedanken an mein Hirn sendet, dass hier etwas ganz kräftig nicht stimmt.

Ich wohne in der Stadt, mit zwei Bäumen vor dem Fenster und das ist noch lange kein Wald, ich weiß das wohl. Ziemlich nahe davon gibt es mehrere Fabriken, eine davon stellt angeblich Schokolade her.

Und wenn ich nachts geweckt werde, dann riecht es nach Alarm, anders kann ich es nicht ausdrücken, das Wort Gestank wird dem nicht gerecht. Es riecht so, dass glasklar ist, dass das was sich meldet, nicht in die Luft gehört. Jedenfalls nicht, wenn man so lange leben will, dass man die Schokolade noch essen kann und jetzt kommt der Punkt: auch sonst einfach überhaupt gar nicht.

Das, was mich hierbei jedoch richtig wundert, ist jedoch die Reaktion, wenn ich Nachbarn oder Bekannte frage: Riecht Ihr das auch?

Denn die Antwort lautet meist: Ach so, nee, ach stinken tut`s hier doch immer, da ist doch die Straße und was beschwerst Du Dich, Du lebst doch in der Stadt, boah bist Du empfindlich? Manche sagen auch, ach ja, jetzt wo Du es sagst, die werden wohl nachts was in die Luft ballern, wenn es kaum einer merkt, na da kann man nichts machen. Aber ärgere Dich nicht, guck mal hier, willst Du ein Stück Schokolade?

Und dann frag ich mich, oft zu leise und nun auch mal laut: Wann haben wir eigentlich aufgehört uns zu wundern und vor allem wann haben wir damit aufgehört, mit dem Aufhören anzufangen?

Damit aufzuhören, es ok zu finden, wenn nachts Ungutes in die Luft geblasen wird und tagsüber sowieso.

Es ok zu finden, dass in der Stadt alles immer giftiger wird und zwar so, dass das sich aufs Land flüchten auch nicht weiter hilft.

Es gibt so viele Menschen, mit denen ich spreche, die denken, wir sind die letzte Generation an Menschen auf diesem Planeten. Manche freuen sich tatsächlich darüber und das nicht aus Hass, sondern aus Liebe zur Natur. Sie stellen sich vor, wie sich diese erholt, wenn der Mensch nicht mehr ist, dieser in ihren Augen seltsame kollektive Tumor auf Mutter Erde.

Andere wiederum glauben, dass sich die Erde im Aufstieg befindet, und zwar direkt in die fünfte Dimension und dass dann das goldene Zeitalter beginnt. Ich glaube weder das eine, noch das andere, aber wer kann das schon wissen.

Was ich weiß, ist, dass es mir weh tut und auch, dass wir so Vieles bewirken können.

Und das fängt doch damit an, sich zu wundern und das bitte oft, durchaus auch mal laut, und am besten, nicht alleine.

 

 

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